Sils-Maria – Türe zum Paradies

Sils-Maria – der Name fühlt sich gut auf der Zunge, rauh und samtig zugleich. Er schmeckt nach Schnee und Bergen und einem Hauch Poesie. Sils ist ein Juwel des Engadins, so steht es im Prospekt. Nietzsche war da, und auch Hesse und Dürrenmatt. Und da ist noch der See…

Das Dorf drängt sich vor dem Eingang des Val Fex, als hätte es grossen Respekt vor der glitzernden Ebene, die sich zwischen den Seen erstreckt. Es duckt sich, um nicht gesehen und von den alltäglichen Problemen dieser Welt eingeholt zu werden. Ganz klein ist das Dorf, von welchem sich schon viele haben inspirieren lassen.

Die Ebene mit der Ansammlung von Häusern am Rande ist so lieblich, dass man kaum den Blick abwenden kann, ohne es sogleich zu bereuen. Immer wieder bleiben die Augen am See hängen, dieser quecksilbernen Scheibe, die scheinbar ohne Tiefe in der Landschaft liegt.

Unbeweglich und doch viel lebendiger als Eis, verleiht sie der Landschaft etwas Einmaliges. Rundum sind die Berge, die der Ebene Einhalt gebieten und sich rau dem Himmel entgegenrecken. Doch auch von ihnen geht ein Friede aus, der nicht einmal bei Nacht in Bedrohung umschlägt.

Einige Neubauten stehen weiter in der Ebene draussen. Fast eingeschüchtert wirken sie, als würden sie auf verbotenem Boden stehen. Durch Sils-Maria führt eine Strasse, gesäumt von gepflegten Häusern. Einige Fassaden sind frisch gestrichen, die Fenster jedoch sind überall stumpf und dunkel. Kein weihnächtliches Glänzen ist in den Scheiben zu erkennen. Überall hat es Baustellen, und trotzdem liegt das Dorf unter einem Schleier aus Stille. Der Schnee verschluckt die Geräusche der Arbeit. Oder woher sonst mag die Stille rühren?

Nichts vermag den Blick zu halten. Leere Schaufenster und verschlossen Türen weisen den Besucher ab. Kein Restaurant lädt zum Tee ein, nirgendwo riecht es nach einer warmen Suppe.

Sils verharrt in einem tiefen und geräuschlosen Seufzer, im Wissen, dass schon bald scharenweise Menschen ankommen werden, die am Zauber dieser Ortschaft teilhaben wollen. Und als müsse das Dorf auf diesen Moment sparen, ist noch wenig vom berühmten Charme zu erkennen.

Doch worin liegt denn der Zauber des „lieblichsten Winkels der Erde“ wie Nietzsche einst gemeint hat?

Am Hotel Schweizerhof vorbei führt eine Strasse direkt ins Paradies. Die Sonne wärmt die Stämme der kahlen Lärchen, der Geruch von Holz vermischt sich mit jenem von Schnee. Weiter hinten liegt das Val Fex, leuchtend weiss und märchenhaft fern.

In Platta vergisst man die Welt hinter sich. Die Ruhe, die einen überkommt scheint unendlich, das Verlangen weiterzugehen wird übermächtig. Wie ein riesiges weisses Federbett ist die Landschaft, einladend und freundlich. Dem Tal und der Sonne den Rücken zu kehren fällt schwer und ist verbunden mit der Möglichkeit, innerhalb von Minuten in eine andere Welt einzutauchen, die dem Paradies wohl ähnlich sieht.

Hier in Sils-Maria gelingt einem das. Schon Nietzsche wusste, welche Kraft in diesem Ort liegt: „…hier, wo Italien und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimat aller silberner Farbtöne der Natur zu sein scheint.“

Einen kurzen Moment lang blitzt der Gedanke in mir auf, wie diese Landschaft wohl im Sommer aussehen mag. Mit Gräsern und Blumen… Doch in diesem Augenblick erblicke ich den See. Quecksilber und die Kälte verjagen jeden Hauch von Sommer.

Beim Gedanken an den Aufbruch überkommt mich ein Zögern – Soll ich diesen Ort nun wirklich schon verlassen? Die Sonne ist weg, mich schauderts. Sils liegt totenstill da, noch sich selbst überlassen.

Ich steige in den wartenden Bus ein: Komme was wolle, ich habe ein Türchen zum Paradies entdeckt – Sils-Maria.

Verfasser unbekannt

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Eine Antwort auf Sils-Maria – Türe zum Paradies

  1. Marco Stamm sagt:

    Genau so schön ist Sils-Maria. Das macht Lust auf mehr! Vielen Dank

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